Berlin/Grünheide - Sie sind noch ganz am Anfang – mit der Aufarbeitung, mit dem Reden über das, was in den vergangenen Jahren an der Freien Schule am Elsengrund in Mahlsdorf geschehen ist. Das sagt Susann Zittlau, die neue Geschäftsführerin der gemeinnützigen Trägergesellschaft. Sie ist seit einigen Wochen im Amt. „Wir werden noch einige Zeit brauchen“, sagt sie. „Uns ist bewusst, dass uns viel Arbeit und noch einige Überraschungen bevorstehen.“ Denn die rechtsextremen Verstrickungen der Ende März zurückgetretenen Schulleitung gehen weit darüber hinaus, was bislang durch Recherchen des WDR und des Tagesspiegels bekannt geworden ist.

Mit dem Fall betraute Experten sprechen inzwischen von klaren Indizien, dass mit der Schule am östlichen Berliner Stadtrand eine abgeschottete, rechtsesoterische und völkische Zone etabliert werden sollte. Eine Zone, in der mit harter Hand geführt wurde und Kritiker herausgedrängt wurden.

Der Verfassungsschutz in Berlin und Brandenburg ging nach Tagesspiegel-Recherchen auch Hinweisen nach, dass ein zur Schule gehörender Dreiseithof im Grünheider Ortsteil Kagel, wenige Kilometer hinter der südöstlichen Stadtgrenze in Brandenburg, für Treffen der rechten Szene genutzt worden sein könnte. Neben Klassenausflügen und Elterncafé sollte das Anwesen offenbar auch als rechtes Bildungszentrum dienen, heißt es. So soll dort im Dezember 2020 eine Sonnenwendfeier mit 40 Personen abgehalten worden sein.

Bekannt waren bislang enge Verbindungen der früheren Schulleiterin und des Geschäftsführers – beide sind ein Paar – zu dem bekannten Rechtsextremisten und Holocaustleugner Bernhard Schaub. Seine Kinder waren zeitweise an der Schule, er gab für die Elsengrund-Lehrer 2018 ein Seminar. Aber das Paar verkehrte auch privat mit dem Mann, angeblich in Form einer normalen Eltern-Schule-Beziehung. Andere Vorwürfe waren von der Schulleitung bestritten worden, etwa dass das Tagebuch der Anne Frank im Unterricht nicht behandelt werden sollte.

Trotz der schweren Vorwürfe konnte sich die Schulleitung halten – über Jahre. Dabei hatte bereits im Jahr 2013 der Bund der Freien Waldorfschulen die Zusammenarbeit mit der Elsengrund-Schule aufgekündigt – weil der Rechtsextremismus-Verdacht nicht ausgeräumt wurde und wegen der Verbindungen zum Holocaustleugner Schaub. 2019 besuchte der als „Volkslehrer“ bekannte Rechtsextremist Nikolai Nerling eine Theateraufführung an der Schule.

Ein Vater, der die Schule mit aufgebaut hatte, hatte sich Anfang 2020 an die Schulaufsicht in der Senatsbildungsverwaltung gewandt. Doch die Behörde fand zunächst keine Hinweise auf rechtsextreme Umtriebe. Erst infolge der Medienberichte eröffnete die Schulaufsicht Anfang 2021 ein neues Verfahren, mit dem die Genehmigung für den Betrieb der Schule aufgehoben werden könnte.

Immer mehr Eltern und Lehrer stellten Fragen. Bei einer internen Sitzung im März legten Lehrer dem Chefpaar dann ein Foto vor. Darauf zu sehen sind der Rechtsextremist Schaub und der Geschäftsführer der Schule bei einer Demonstration im Mai 2018 in Bielefeld. 500 Rechtsextremisten gingen damals für die in Bielefeld inhaftierte Holocaustleugnerin Ursula Haverbeck auf die Straße. Die heute 92-Jährige hat in der rechtsextremistischen Szene Kultstatus. Sie saß in Haft, weil sie wiederholt behauptet hatte, dass das Konzentrationslager Auschwitz kein Vernichtungslager, sondern ein Arbeitslager gewesen sei.

Der Geschäftsführer der Schule soll sich laut Teilnehmern der internen Lehrersitzung damit herausgeredet haben, er habe eine große Anthroposophin ehren wollen, die Demonstration aber nach kurzer Zeit wieder verlassen. Auch der Schulaufsicht ist das Foto zugespielt worden. Bis dahin, so heißt es, wussten selbst die Sicherheitsbehörden nicht, des sich bei dem Schulleiterpaar um rechtsextreme Esoteriker handeln könnte.

Bei Nachforschungen sind weitere Fotos gefunden worden: Auch die Schulleiterin und andere Eltern waren bei der Demonstration in Bielefeld, sogar mit ihren Kindern. Die Schulleitung soll in der Schule einen Kreis aus Vertrauten mit demselben rechtsextremen Weltbild um sich geschart haben. Inzwischen wird auch bestätigt, was von der alten Schulleitung bestritten worden ist. Die neue Geschäftsführerin nennt es „Selektion von Unterrichtsinhalten“. Demnach war nicht nur das Tagebuch der Anne Frank tabu, sondern auch deutsche Literatur jüdischer Dichter – zum Beispiel Heinrich Heine.

Das System Elsengrund-Schule hat nach Ansicht der neuen Leitung aus mehreren Gründen lange funktioniert: Eine angemessene Kommunikationsstruktur im Schulalltag sei unterbunden worden, es habe keine demokratische Strukturen gegeben, Eltern seien in Entscheidungs- und Gestaltungsprozesse nicht einbezogen worden, es habe eine Machtkonzentration beim Leiterpaar, „willkürliche Personalentscheidungen“ und „undurchsichtige Entlohnungsstrukturen“ gegeben. Das Chefpaar habe Personal um sich geschart, das leicht zu beeinflussen und zu lenken war, Personal, das teils nicht für den Lehrerberuf ausgebildet war. Berichtet wird auch von Misstrauen bei Eltern und Lehrern. „Jeder dachte, der andere habe einen engen Draht zu den Schulleitern“, berichtet einer.

Jetzt soll alles anders werden, sagt die neue Geschäftsführerin Susann Zittlau. Der früheren Leiterin und dem Ex-Geschäftsführer wurde vor zwei Wochen ein Hausverbot erteilt. Am Sonnabend musste das frühere Chefpaar auch die Schlüssel für den Dreiseithof in Kagel, wo es ohne Mietvertrag teilweise gewohnt haben soll, zurückgeben. Externe Berater wurden geholt, es wird eng mit der Schulaufsicht kooperiert. Und um den braunen Ruf abzustreifen, will sich die Schule noch im April einen neuen Namen geben. Susann Zittlau sagt, es gehe um eine grundsätzliche Erneuerung.