Die Beileidsbekundungen, die der Tagesspiegel am Tag nach dem überraschenden Tod seines Gründers als erste auf der Titelseite zitierte, hatten einiges gemeinsam: Sie kamen aus der Berliner Politik und wurden von prominenten Politikern formuliert, deren Namen bis heute geläufig und im Stadtbild präsent sind. Und sie benannten – für erste Beileidsadressen nicht unbedingt alltäglich – neben üblichen Bekundungen („Bestürzt und erschüttert ...“, „Mit großer Bestürzung und aufrichtiger Trauer ...“) den Dissens, der sie mit dem Verstorbenen verband.

„Wenn Erik Reger auch manchmal eigene Wege ging, so waren seine unbestechliche Ehrlichkeit und sein Einsatz für die Freiheit Berlins ein nicht wegzudenkender Anteil im Berliner Freiheitskampf“, schrieb Walther Schreiber (CDU). „Auch wenn wir nicht alle immer und insbesondere in letzter Zeit seinen eigenwilligen Wegen folgen konnten, so reißt doch sein Tod eine Lücke in das Berliner Geistesleben, die nur schwer zu schließen sein wird“, schrieb Otto Suhr (SPD).

Erik Regers jäher Tod auf einer Dienstreise nach Wien beendete sein Wirken als Tagesspiegel-Chef seit Gründung unserer Zeitung im September 1945. Knapp neun Jahre, in denen er mit antitotalitärer und transatlantischer Haltung produktiven Streit gesucht hatte – in Berlin und über Berlin hinaus bis hin zum Bonner Bundeskanzler Konrad Adenauer. Laut Klaus Bölling, einst Tagesspiegel-Redakteur und später bundesdeutscher Regierungssprecher, „mißfiel Adenauer, daß Reger immer wieder gegen den Status quo in der Deutschland-Frage anzurennen versuchte“. Zum Beispiel wollte Reger West-Berlin als zwölftes Bundesland etabliert sehen und schlug westlich kontrollierte Korridore durch die DDR vor.

Klare Haltung als Antifaschist und Antikommunist

„Im Nachkriegs-Berlin gab es bald keine Partei mehr, die sich nicht irgendwann über Regers Angriffe bitter beklagte“, schreibt der Historiker Andreas Petersen in seinem Nachwort zum 2014 unter dem Titel „Zeit des Überlebens“ veröffentlichten Tagebuch, in dem Reger die letzten Wochen des Zweiten Weltkrieges und die ersten der Nachkriegszeit im Berliner Umland dokumentiert. Nach Mahlow war der Schriftsteller und Publizist im August 1943 mit seiner Frau Christine gezogen, noch rechtzeitig, bevor beider Wohnung in Berlin-Halensee im Luftkrieg zerstört wurde.

Was in den Nachrufen noch auffällt: Gerade einmal neun Jahre nach dem Ende der Nazi-Zeit wird Reger vor allem als Antikommunist gewürdigt. Dies schmälert nicht nur sein Wirken zu Weimarer Zeiten, sondern auch in den ersten Tagesspiegel-Jahren. „Er war schneidend in seinem Antikommunismus und mindestens genauso scharf in seinem Antifaschismus“, schreibt Petersen. „Von der ersten Ausgabe an schrieb Erik Reger im Tagesspiegel schneidend gegen jede Verklärung der NS-Zeit an.“ Der sowjetischen Siegermacht stand Reger zunächst, wie den Alliierten insgesamt, durchaus erwartungsvoll gegenüber. Die West-Berliner Frontstadt-Haltung entwickelte sich beim Tagesspiegel und dessen Gründer erst nach und nach.

Ein neues Buch markiert den Übergang: „1948. Ein Augenblick Berlin. Auf dem Weg zur geteilten Stadt“, herausgegeben vom früheren Tagesspiegel-Verleger Lothar C. Poll, erschienen im Lukas-Verlag. Nachdem zuletzt vor allem Regers Weimarer Wirken im Vordergrund von Wiederveröffentlichungen stand, werden damit Arbeiten beim Tagesspiegel in einem (hoffentlich) ersten Schritt wieder verfügbar. Die Artikelsammlung „Zwei Jahre nach Hitler“ steht im Mittelpunkt dieses Bandes, der neben weiteren politischen Essays Regers auch Wiederentdeckenswertes unter anderen von Karena Niehoff, Kurt Hiller, Günther Weisenborn oder nicht zuletzt Regers publizistischem Widersacher Rudolf Herrnstadt („Berliner Zeitung“, „Neues Deutschland“) verfügbar macht.

Die junge Generation ist hier wieder Regers Thema, wie schon in „Ruhrprovinz“, einem 1928 für die „Weltbühne“ verfassten Artikel, in dem er im Nachwuchs die einzige Hoffnung seiner in kleinbürgerlicher Lethargie versunkenen, von Pathos geblendeten und von Phrasen beherrschten Regions- und Zeitgenossen im Ruhrgebiet erkennt. Einer Jugend „ohne Kulturpathos, ohne die Ethik der ,ewigen Werte’“, einer Jugend, die „Wirklichkeitssinn hat und die Mechanik der Maschinenzeit durch Selbstverständlichkeit überwindet“.

1947 nun sind es die noch Jüngeren, die Reger nach den Nazijahren Hoffnung geben: „Blickt die Fünfjährigen an: Sie werden in zwanzig Jahren darüber entscheiden, ob die Vorbereitungszeit der Demokratie in Deutschland als beendet angesehen werden darf.“ Und Reger hat ein Rezept, das dann durch Städtepartnerschaften, Schüleraustausch, Au-pair, Interrail oder Studienprogramme eingelöst wurde: „Organisiert, sobald diese Kinder größer werden, Aufenthalte in fremden Ländern für sie, damit sie dort sehen und denken und unter freien Menschen sich frei bewegen lernen.“ Und ebenso wichtig: „Schafft ihnen Umgang mit fremden Kindern in Deutschland.“ Dies dann aber nicht nur im Reisemodus, sondern „Verkehr in fremden Familien, die in Deutschland ansässig sind“. Und bei alldem gilt für ihn der Grundsatz: „Bewahrt sie vor dem engen Horizont.“

Regers literarisches Hauptwerk, der 1931 erschienene, mit dem Kleist-Preis ausgezeichnete Industrieroman „Union der festen Hand“, wurde zuletzt 2022 neu aufgelegt. Im vergangenen Jahr sind dann zwei Bücher herausgekommen mit Artikeln des Tagesspiegel-Gründers, verfasst größtenteils vor seiner Berliner Zeit: das „Lesebuch Erik Reger“, zusammengestellt von Erhard Schütz, und „In Sachen Stadtschaft. Literarische Reportagen und Aufzeichnungen zum Ruhrgebiet 1923 bis 1973“, herausgegeben von Dirk Hallenberger.

Im erstgenannten Band geht es, wie der Titel schon sagt, ausschließlich um Reger, im zweiten steht Reger mit seiner polemisch-essayistischen Reportage „Ruhrprovinz“ (auch Teil des Lesebuchs) neben Autor:innen wie Ernest Hemingway, Egon Erwin Kisch, Larissa Reisner, Joseph Roth und Lisa Tetzner. Umfassend versammelt wurden Regers „Kleine Schriften“ in zwei gleichnamigen Bänden 1993, herausgegeben ebenfalls von Erhard Schütz und nur noch antiquarisch zu haben. Wiederveröffentlichung verdiente daraus vieles, nicht zuletzt die „Naturgeschichte des Nationalsozialismus“, erschienen 1931 als Artikelserie in der „Vossischen Zeitung“, mit hellsichtigen, in unseren trumpistischen Zeiten aktuell wirkenden Passagen.

„Trifft ihn also der Vorwurf der Korruption und Unehrlichkeit, der gewissenlosen Demagogie?“, fragt Reger zwei Jahre vor der Machtübergabe an Hitler über den erstarkenden Nationalsozialismus. „Ja, er trifft ihn, aber er fügt ihm keine Verluste zu, weil eben diese negativen Elemente sein Fundament ausmachen, und nicht bloß als ornamentale Stilverwirrungen aufgesetzt sind. Jemand, der zwar alle Tage lügt, aber die Lüge in den Rang einer rituellen Wahrheit erhoben hat, kann nicht mehr dadurch unschädlich gemacht werden, daß man ihm von Fall zu Fall eine Lüge nachweist.“

Kompromisse und Kompromate der „inneren Emigration“

Als bekannter Nazigegner emigriert Erik Reger in die Schweiz, darf dort aber nicht arbeiten und „muss 1936 wegen ,Überfremdung’ das Land wieder verlassen“ (Erhard Schütz). Zurück in Deutschland arbeitet Reger in der Werbeabteilung von Boehringer in Mannheim und schließlich in Berlin beim „arisierten“ Ullstein-Verlag, nun „Deutscher Verlag“, kontrolliert von den Nazis. Er geht die Kompromisse und Kompromate der „inneren Emigration“ ein, wird in die „Reichsschrifttumskammer“ aufgenommen, aber wegen seiner publizistischen Vergangenheit auch immer wieder attackiert. Was ihn nicht daran hindert, in einem fort zu publizieren, zum Beispiel historische Romane bei Rowohlt oder, laut Schütz, stetig Feuilletons „für die großen Tageszeitungen, Illustrierten und Magazine“, dem NS-Forscher Ernst Klee zufolge etwa auch im Nazi-Blatt „Krakauer Zeitung“.

Den Abschluss des Reger-Lesebuchs bildet ein Tagesspiegel-Artikel von 1953. Hier geht es um den Aufstand vom 17. Juni. Regers antitotalitäre Haltung auch gegenüber dem kommunistischen Regime wird deutlich. Und seine Identifikation mit Berlin, genauer: Westberlin, „wir“. Aber nicht nur: „Zum erstenmal sind es die Ostberliner, die den Namen Berlins als einer der sicheren Stützen des Freiheitskampfes in alle Welt tragen.“

Ein Jahr später stirbt Reger, gerade 60-jährig, während einer Tagung in Wien. Gerüchte, dass sowjetische Geheimdienstler sich des Antikommunisten entledigen wollten, haben sich nicht erhärten lassen. „Höchstwahrscheinlich ist er doch eines natürlichen Todes gestorben“, schreibt Erhard Schütz. „Der Obduktionsbefund nennt Herzversagen und bescheinigt einen desolaten Gesundheitszustand.“