Im Paradies hat jemand eine Slackline aufgespannt. Eine Frau balanciert auf dem Seil, daneben spielen einige Männer Boule, üben ein paar Kids ihre Kunststücke auf der Skaterampe. Noch ist es ruhig an diesem sonnigen Nachmittag. Erst am Abend wird sich das Paradies füllen, mit jungen Menschen, die auf den Wiesen Bier trinken und grillen – oder braten, wie man in Thüringen sagt –, mit Blick auf die vorbeiplätschernde Saale.

Paradies, so heißt nicht nur der berühmteste Bahnhof Jenas, sondern auch der ihn umgebende Park mitten im Zentrum. Er ist Mittelpunkt des Stadtsommers. Im Lokal Strand 22 etwa kann man direkt an der Saale in Liegestühlen sitzen, selbstgemachten Eistee trinken und Kuchen essen. Daneben schippern Schwan-Tretboote und Stand-Up-Paddle-Boards, die auf Ausleihe warten. Abends ersetzen Studierende die Eltern mit ihren Kindern, es finden auch mal Partys statt.

Kohlrouladen für 1,80 Euro beim Fleischer

Wer einmal auf der Autobahn durch Jena gefahren ist und nur die Plattenbauten von Jena-Lobeda kennt, die über der A4 in den Himmel ragen, wird von der sommerlichen Idylle in Jenas Innenstadt überrascht sein. Das Zentrum der mit 111.000 Einwohner:innen zweitgrößten Stadt Thüringens wirkt fast dörflich, es gibt einen Marktplatz mit Kirche, viele Gässchen mit Kopfsteinpflaster, Kohlrouladen für 1,80 Euro beim Fleischer – und eben das Paradies.

Über allem ragt der Jentower, ein 144 Meter hohes Hochhaus aus den 1970ern, das einem Fernrohr nachempfunden ist und einst als Forschungszentrum für das Kombinat Carl Zeiss geplant war. Der Name des Unternehmers begegnet einem überall in Jena, auch das dienstälteste Planetarium Deutschlands und der örtliche Fußballverein sind nach dem Mechaniker benannt, der 1846 seine erste feinmechanisch-optische Werkstatt in Jena eröffnete und begann, Mikroskope anzufertigen. Heute ist Carl Zeiss ein international agierender Konzern.

Start-up-Hochburg, Boomtown, Optical Valley: Jena geht es wirtschaftlich gut. Hinzu kommt die Friedrich-Schiller-Universität, an der 18.000 Menschen studieren und 8600 beschäftigt sind. Die Studierenden prägen das Stadtbild, sie liegen lesend in den Parks oder schlendern vom Uni-Hauptgebäude Richtung Bibliothek. Als Kulturstadt mag das 20 Kilometer entfernte Weimar bekannter sein. Dabei hat Jena hoch- wie subkulturell viel zu bieten. Man muss nur genauer hinschauen.

Oder einen kleinen Berg besteigen. Wer zum Kassablanca will, soziokulturelles Zentrum und Jenas ältester Technoclub, muss erstmal ein wenig schwitzen. Das Kassa wurde 1990 gegründet, seit Mitte der 90er hat es sein Zuhause auf dem Areal am Jenaer Westbahnhof, in einem Wasserturm nebst einstigen Lokschuppen.

Von Anfang an mit dabei war Thomas Sperling. „Alles schien möglich“, sagt er über die Zeit nach der Wende, als sich nicht nur die politischen Blöcke auflösten, sondern auch neue Musikstile geboren wurden und es in den Städten jede Menge Freiräume gab. Sperling und seine Mitstreiter wollten den Techno nach Thüringen holen, sie gründeten erst das Kassa und später das Musiklabel „Freude am Tanzen“. Der ehemalige Dancefloor im Turm ist höchstens 20 Quadratmeter groß. Hier legten in den 90ern DJs wie Dixon oder Motte auf. „Es war eng früher“, sagt Thomas Sperling und lacht. Heute passen ins Kassa bis zu 700 Menschen.

Im einstigen Lokschuppen fällt warmes Licht durch die großen Fenster. Bald werden hier die Beatstakes ein Konzert geben, neben den Clubabenden finden auch Lesungen oder Workshops dort statt. „Für einen reinen Technoclub ist die Stadt zu klein“, sagt Sperling. Auch eine harte Tür, wie in den Läden Berlins, gibt es hier nicht. Nur politisch fährt das Kassa eine klare Linie. „Trägst du so ein Zeug? Dann wollen wir Dich hier nicht haben!“, steht auf einem Schild an der Eingangstür, darunter Hakenkreuze und andere rechtsextreme Symbole.

Ein Durchlauferhitzer für Menschen und Ideen

In den 90er Jahren, den sogenannten „Baseballschlägerjahren“ gab es Angriffe von Neonazis auf das Kassa. Später machte Jena Schlagzeilen, weil das NSU-Trio aus der Stadt stammte und sich dort politisierte. Heute gebe es keine großen Probleme mehr mit Rechten, sagt Sperling, selbst der Fanclub des Fußballvereins ist links. Elf Prozent der Stimmen holte die AfD bei der letzten Bundestagswahl in Jena, ein starker Kontrast zum Land Thüringen, wo die Partei bei 24 Prozent landete.

Sperling schätzt an Jena, dass er inzwischen fast jeden kennt und die Stadt trotzdem immer in Bewegung bleibt. Jena ist ein Durchlauferhitzer. Junge Menschen kommen einige Jahre zum Studieren, verwirklichen Projekte – und ziehen dann weiter. Vielleicht ist es diese Dynamik, die für den Geist des kritischen Denkens in Jena gesorgt haben. Neben Goethe und Schiller lehrten auch Fichte, Schelling und Hegel an der Universität, später wurde Jena zu einem Zentrum der DDR-Opposition.

Heute geht es bei den politischen Kämpfen vor allem um Platzmangel und Gentrifizierung. Es fehlt an Freiflächen – bedingt vor allem durch die Tallage. Jena ist umgeben von grünen Bergen, was zwar schön aussieht und tolle Wandermöglichkeiten bietet, aber auch dafür sorgt, dass sich die Stadt nicht weiter ausbreiten kann. Thomas Sperling wünscht sich mehr Mut von Entscheidern des Lands Thüringen oder der Universität, leerstehende Gebäude zur Zwischennutzung freizugeben. „Der wirtschaftliche Erfolg der Stadt engt kulturelle Freiräume ein.“

Vor kurzem noch Kinderklinik, nun Lesungen und Theater

Einen dieser Kämpfe gewonnen haben die Betreiber des Café Wagner, die sich in einem Verein organisiert haben. Nicht weit vom Kassa entfernt werkeln junge Menschen seit Mitte März emsig daran, die alte Kinderklinik zu sanieren und umzubauen. Wo vor kurzem noch Stuhlreihen im Hörsaal standen, sollen in einigen Wochen Partys, Konzerte, Lesungen und Theater stattfinden.

Das Café Wagner, ein soziokulturelles Zentrum und Restaurant, ist eine weitere Institution der Jenaer subkulturellen Szene, gegründet 1993. Die eigentliche Location in der bei Studierenden beliebten Wagnergasse im Zentrum der Stadt muss zwei Jahre lang saniert werden. In der Zwischenzeit dürfen die Vereinsmitglieder die Klinik nutzen. Die Stadt unterstützt das Projekt, außerdem hat der Verein zehntausende Euro Spenden gesammelt. „Gerade hängt es noch an Strom und Wasser“, sagt Michael Ganic, der seit 2020 im Vorstand des Vereins sitzt. Ganic – lange, dunkle Haare, Nagellack, Festivalbändchen ums Handgelenk – legt hier selbst jeden Tag mit Hand an, damit das Café bald öffnen kann.

Schon im Betrieb ist der Garten. Hier zwitschern Vögel, an einer Bar aus Holz hängen bunte Girlanden und rosa Plastikblumen. Gegenüber steht eine alte Villa mit türkis und gelb bemalten Balkonen. „Das Gebäude gehört der Uni“, erzählt Michael Ganic, „und steht einfach leer“. Momentan passiert viel in der Stadt, sagt Ganic. „Es gibt viele junge Leute, die Bock haben, etwas zu machen.“

Ein erstes Open-Air im Naturschutzgebiet

Oftmals seien diese studentischen Kulturorte aber eben nicht so einfach zu finden, blieben eher unter der Oberfläche, in Off-Locations, die man kennen muss, sagt er. Da gibt ihm auch Felix Blumenstein recht. Die beiden sind befreundet, wie in der Jenaer Kulturszene ohnehin die meisten. Der 32-Jährige kommt aus dem Jenaer Umland. Ende der Nullerjahre ist er oft nach Berlin gefahren und war fasziniert von der Feierkultur – insbesondere von den vielen Open Airs, die es damals noch gab.

„Wir haben den Gedanken gefasst: Das nehmen wir mit nach Jena.“ Das erste Open Air 2010 fand im Naturschutzgebiet statt und wurde recht schnell vom Stadtförster beendet. Seitdem hat das Kollektiv dazugelernt. Heute ist Blumenstein Mitgründer und Vorstand des „Biotobt e.V.“, ist aktiv in Kulturinitiativen und Vereinen und sitzt als sachkundiger Bürger im Kulturausschuss der Stadt.

Der Verein unterstützt Jugendliche und Studierende dabei, Freiflächen für ihre Partys zu finden, leiht Werkzeug und Expertise. Gemeinsam mit der Stadt hat er zwei Flächen in Gewerbegebieten erschlossen. Ein Problem dabei sind die Anwohner:innen, die seit Corona ein noch größeres Ruhebedürfnis zu haben scheinen – und, mal wieder, die Tallage. „Der Sound schallt zum Wasser der Saale und dann an die Berge“, sagt Blumenstein.

Eine Gruppe, um illegale in legale Partys zu überführen

Als im Sommer 2021, mitten in der Pandemie, illegale Partys von Jugendlichen im Paradies-Park eskalierten, kam die Stadt von selbst auf sie zu, um die „Lenkungsgruppe Paradies 21“ zu bilden – mit Konzepten, um die Partys in legale Wege zu leiten. Diese Art von Selbstwirksamkeit ist das, was Blumenstein in Jena hält, obwohl viele seiner Freunde inzwischen in Leipzig oder Berlin wohnen.

Die Pandemie habe leider deutlich gemacht, wie wenige Menschen ihren Lebensmittelpunkt in Jena haben – die Stadt war ohne Präsenzveranstaltungen an der Uni auf einmal leer. Es sei eine zentrale Aufgabe der Stadtpolitik, dafür zu sorgen, dass Leute auch nach dem Studium bleiben. Dafür brauche es Sub- und Hochkultur.

Letztere gibt es in Jena natürlich auch. Die Jenaer Philharmonie ist das größte reine Konzertorchester Thüringens, die Kunstsammlung Jena verfügt über einen großen Bestand an Kunst aus der DDR und das Theaterhaus Jena hat als Grundprinzip, dass alle fünf Jahre das komplette künstlerische Ensemble ausgewechselt wird. Das bietet Raum für Experimente, auch der Kabarettist Rainald Grebe war hier schon Dramaturg. Im Juli startet „Kulturarena Jena“, ein Festival für Konzerte, Theater und Kino, das bis zum 20. August auf dem Theatervorplatz Jenas und an anderen Orten der Stadt läuft.

Große Erwartungen werden in einen Ort gesetzt, der ebenfalls noch am Entstehen ist. Im Gewerbegebiet nördlich der Innenstadt, zwischen Autohändler und Gebrauchtmöbelhof, liegt der Kulturschlachthof. Wo früher Tiere ihrem elenden Schicksal entgegensahen, grüßen heute Graffiti von den Wänden und sind an diesem Abend Oldschool-Kinostühle aus Holz und Stoff aufgebaut.

Trotz bedrohlich dunkler Wolken am Himmel haben sich etwa 20 junge Menschen eingefunden, um im Freiluftkino einen Dokumentarfilm über Arbeiter in einem New Yorker Sandwichshop zu sehen, die eine Gewerkschaft gründen. Zwischendurch fängt es wirklich an zu regnen – alle retten sich unter ein großes Zelt, wo auch Couches und Sessel aufgebaut sind, aus einem alten Wohnwagen werden Bier und andere Getränke verkauft.

Am nächsten Morgen haben sich die Wolken verzogen, die Sonne knallt auf einige junge Männer, die im Innenhof Beton gießen. Drei Vereine – die Freie Bühne Jena, Crossroads Jena und FreiRaum Jena – haben sich 2016 zusammengeschlossen, um auf dem 4000-Quadratmeter-Gelände ein neues Zentrum für Soziokultur zu entwickeln. In der alten Schlachthalle soll bald Theater gespielt werden, die Skaterampe in der LKW-Halle ist schon fast fertig – versehen mit dem Symbol des Ortes: einem stilisierte Schweinekopf.

Viele Interessenten für das neue Areal

Mit der Förderung der Stadt erschließen sie sich das Areal komplett selbst, die meisten arbeiten auf dem Bau in ihrer Freizeit. Die weiß-blauen Fliesen an den Wänden der Hallen weisen auf die Vergangenheit des Gebäudes hin. Meterhoch stapeln sich Bau- und Theaterutensilien in den Räumen.

Der Kulturmanager und Theatermacher Tilmann Lützner ist in Jena geboren, er ist Vorstandsmitglied im Verein Freie Bühne Jena e.V. Mit festen Räumen war es schwierig, daher bespielte der Verein bisher die ganze Stadt. „Es macht Spaß, einen Ort zu verändern“, sagt er. Noch sind die Hallen nicht in Betrieb, aber es haben sich bereits viele Interessenten angemeldet, die Konzerte, Partys und andere Veranstaltungen dort machen möchten, erzählt Lützner. „Im Grunde reicht der Platz gar nicht aus.“