Bildung ist ein hohes Gut, schafft Lebenschancen, Chancengerechtigkeit, verhilft Firmen zu gut ausgebildeten Arbeitskräften und steht überall auf der politischen Agenda ganz oben. Das könnte man meinen, wenn man sich im Zuge der jüngsten Berliner Wahlen die Parteiprogramme angeschaut und Parteienvertreter dazu befragt hat. Kaum ein Thema polarisiert allerdings auch so sehr, denn Teilhabechancen fordern alle, doch der Weg dahin könnte unterschiedlicher nicht sein. Das fängt schon mit dem Streitfall Verbeamtung von Lehrern an, geht über die Schulform weiter – Gemeinschaftsschulen und freie Schulen fördern oder abschaffen? – und endet ganz sicher nicht bei der Frage, welche Pflichten anerkannte Bildungsträger haben. Und welche Aufgaben etwa an Schulfördervereine übertragen werden können und sollten.

Ich habe dazu klare Vorstellungen, die sich aus meiner jahrzehntelangen Erfahrung als Lehrer an einer Förderschule geformt haben. Und als jemand, der gerade an der Flatow-Schule den 101. Schulförderverein gegründet hat. Hier wird jetzt, wie in allen Kita- und Schulfördervereinen, großartige, unverzichtbare ehrenamtliche Arbeit geleistet mit dem Ziel, nicht nur die Bildungseinrichtungen, sondern auch die Zivilgesellschaft und die Berliner Wirtschaft zu stärken. Denn für starke und gut ausgebildete Kids benötigen wir Ideen, Wissen und Engagement, aber auch Initiativen, Geld von Sponsoren und Sachspenden, die ein Miteinander auch nach dem letzten Schulklingeln ermöglichen.

Wir leben in einer Großstadt, die bereits aus zwölf einzelnen Großstädten besteht. Jeder Bezirk hat seine besonderen Herausforderungen, und das Leben in der Reinickendorfer Gartenstadt Frohnau ist mit dem im multikulturellen Ortsteil Wedding ebenso wenig vergleichbar wie Neukölln mit Marzahn. Eins eint jedoch alle Kieze: Die Schule als Ort für soziale Aktivitäten hat auf die Prägung der Kinder und Jugendlichen einen überragenden Einfluss. Umso wichtiger ist es, dass alle auch die gleichen Chancen erhalten und dies nicht vom Ort ihrer Herkunft und der Zusammensetzung der Klassen abhängt. Wie aber können Teilhabechancen verbessert werden, wenn die sozialen Voraussetzungen so unterschiedlich sind?

Ein Beispiel: Als nach den Sommerferien der Schul- und Kitabetrieb in Berlin und Brandenburg wieder losging, war nicht alles wie früher. Denn nach monatelanger pandemiebedingter Trennung sowie durch Wechselunterricht, haben viele Kinder und Jugendliche den Kontakt untereinander verloren oder erst gar nicht herstellen können. Sie waren einander nicht mehr so vertraut wie vorher – und das gilt für alle, von Spandau bis Köpenick. Lehrende und Erziehende müssen erst einmal den Zusammenhalt und Teamgeist stärken.

Das Programm „Chancenpatenschaften“ des Landesverbandes der Kita- und Schulfördervereine Berlin-Brandenburg e.V. (lsfb) leistet hier praktische Hilfe: Es unterstützt finanziell und organisatorisch Ideen, die die Gruppen wieder zusammenwachsen lassen. Das können Projekte für Gartenarbeit, Kochklubs, Erlebnistage, Ausflüge, Bastelkurse oder andere gemeinsame Aktivitäten sein. Bereits seit Beginn der Pandemie hat der lsfb flexibel und zeitnah reagiert, um die Engagierten an den Kitas und Schulen bestmöglich zu unterstützen. So wurden beispielsweise digitale Qualifizierungs- und Beratungsformate entwickelt, um das Bildungsengagement zu stärken.

In meiner mehr als 40-jährigen Lehrertätigkeit hat sich eine Erkenntnis bei mir durchgesetzt, die durch Alltagsbeobachtungen immer wieder erhärtet wurde: Schülern mangelt es an Selbstbewusstsein. Darüber kann auch so manche große Klappe nicht hinwegtäuschen. Wenn die Kids ihren Weg in unsere Gesellschaft und Arbeitswelt finden sollen, dann müssen wir sie bestärken. Denn jeder hat Fehler, aber jeder kann auch etwas. Wir sollten jeden bei dem abholen, was er oder sie gut kann, was er oder sie beitragen möchte. Das heißt auch: Wer etwas leisten will, muss jede Unterstützung bekommen. Und das gilt natürlich auch über die Schulzeit hinaus. Wir sollten Jugendliche anschließend ins Berufsleben begleiten, etwa durch Lehrer oder Sozialarbeiter. Im Jobcenter sind viele überfordert, und im Umgang mit Ämtern und Behörden fehlt oft das Selbstvertrauen, um die besten Optionen zu verhandeln, aber auch mal gegenzuhalten und Vorschläge „von oben“ abzulehnen.

Auch beim Thema Inklusion sollten wir berücksichtigen, dass gut gedacht nicht immer gut gemacht ist. Wenn ich höre, dass Sonderschulen abgeschafft werden sollen, merke ich auf. Ich habe andere Erfahrungen: Förderschüler brauchen ein besonderes Vertrauensverhältnis. An großen Schulen mit 1000 Mitschülern gehen sie unter. Alle reden von Respekt, den sie gern für sich einfordern. Aber wie steht es mit dem Geben? In unseren gesellschaftlichen Filterblasen hält jeder seine Art zu leben für sakrosankt. Dabei braucht jeder Mensch seinen Freiraum und Gestaltungsmöglichkeiten. Unterschiedliche Lebensstile und Kulturen verdienen Toleranz und, natürlich, Respekt. Ich habe meinen Schülern immer mit auf den Weg gegeben: Nimm jeden so, wie er ist. Wir sollten niemanden umerziehen wollen. Wenn jeder seinen Lebensstil umsetzen kann, ohne den anderen einzuschränken, dann ist das doch in Ordnung, oder?

Für diese Ziele müssen wir als Gesellschaft Geld investieren. Die Kassen in der Post-Pandemiezeit werden knapp sein und jetzt schon geht das Gerangel der Projekte um Finanzierungszusagen los. Wo der Staat sich aus der Verantwortung stiehlt, werden häufig die Defizite durch Freiwillige bekämpft. Dabei wird umgekehrt ein Schuh draus: Das Engagement der Ehrenamtlichen darf nicht staatliche Verantwortung ersetzen, sondern benötigt hauptamtliche Unterstützung. Beim lsfb wollen wir weitere Stellen schaffen, um die Kita- und Schulfördervereine bei der Gründung und täglichen Arbeit noch besser unterstützen zu können. Denn nur mit klaren Strukturen kann das vorhandene Wissen zielführend und losgelöst vom Einsatz Einzelner weitergegeben werden.

Aus meiner Sicht sollte jede Kita und Schule einen Förderverein haben, der Mitglied im lsfb ist. Auf diese Weise können Synergien genutzt und erfolgreiche Projekte auf andere Kitas und Schulen übertragen werden. Vor allem aber auch, weil Fördervereine als selbstständige juristische Personen ganz andere Möglichkeiten und Freiräume im Umgang mit Sponsoren aus der Wirtschaft haben als etwa Schulen. Und da schließt sich der Kreis: Ohne massive Investitionen in die Bildung wird die offene, tolerante Gesellschaft nicht zu schaffen sein. Schon heute merken wir die Auswirkungen von Engstirnigkeit, Intoleranz und Selbstgerechtigkeit. Der gesellschaftliche Ton ist rauer geworden, die Meinung anderer zählt wenig gegenüber den eigenen Wahrheiten. Und das hat Auswirkungen in Familie, Schule, Arbeitsplatz und Freundeskreis. Digitalisierung, fehlende Kitaplätze, Lehrer- und Erziehermangel, Schulbau und Gebäudehygiene – die Herausforderungen im Bildungsbereich sind gewaltig. Ich habe die Vision, dass wir den kommenden Generationen ein Leben mit völlig intakten Teilhabechancen ermöglichen. Sie werden es ohnehin schon mit dem Thema Klimawandel und den Veränderungen unserer Arbeitswelt schwer genug haben. Alle sollten gute Bildung erfahren und nicht von der Teilnahme an schulischen und außerschulischen Aktivitäten ausgeschlossen sein – nur, weil die Eltern keine Spitzenverdiener sind. Einen jeden nach seinen Möglichkeiten fordern und fördern: Das sollten wir als Gesellschaft doch schaffen, oder?

Gastautor Autor Andreas Kessel ist stellvertretender Vorsitzender des Landesverbands der Kita- und Schulfördervereine Berlin-Brandenburg e.V. (lsfb), der zivilgesellschaftliches Engagement und ehrenamtliche Arbeit im vorschulischen und schulischen Bildungsbereich stärkt. Ziel ist es, Bildung und Teilhabechancen von Kindern und Jugendlichen zu verbessern. Für sein ehrenamtliches Engagement wurde Kessel 2012 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.